deutsch-türkische Geschichten

deutschsprachiger Blog über Themen rund um das deutsch-türkische Leben in Deutschland

Generation Koffer – ein Tabu wird gebrochen

3 Kommentare

Gülcin Wilhelm: Generation Koffer

Gülcin Wilhelm: Generation Koffer

Spätestens seitdem ich selber Mutter bin, interessiere ich mich zunehmend für die erste Generation der hier lebenden Türkinnen und Türken, der Generation meiner eigenen Eltern. Diejenigen, die in den 60er und 70er Jahren nach Deutschland zum Arbeiten kamen – und geblieben sind. Der Film „Almanya – Willkommen in Deutschland“ (2010, Regie: Yasemin Samdereli) hat viel dazu beigetragen, dieser Generation ein „Gesicht“ zu geben, weil er die Geschichte dreier Generationen einer „typischen“ türkischen Einwandererfamilie auf eine sehr liebevolle Art und Weise erzählt. Aus der Sicht jener jungen Menschen, die damals ihre Heimat und ihre Familien verließen, um hier in Deutschland die Chance auf ein besseres Leben zu ergreifen – anfangs für sich und später für ihre Kinder.

Nach dem 1961 geschlossenen Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei kamen viele junge Türkinnen und Türken nach Deutschland. Zunächst war nur ein befristeter Aufenthalt vorgesehen und der Nachzug von Familienangehörigen der sog. „Arbeitsmigranten“ grundsätzlich unerwünscht. Manche von ihnen waren noch kinderlos, viele hatten jedoch bereits kleine Kinder, die sie zunächst in der Türkei bei Verwandten zurückließen in dem Glauben, nach spätestens 2 Jahren wieder zurückzukehren. Aus den 2 Jahren wurden schnell 5 bis 10 Jahre, in denen die Kinder lange von ihren Eltern getrennt lebten bzw. zwischen der Türkei und Deutschland pendeln mussten. Ich wurde 1974 hier in Deutschland geboren, nachdem meine Eltern schon 4 Jahre in Deutschland gelebt hatten, und wusste bis vor kurzem nichts von diesem dunklen Kapitel in der Geschichte der türkischen Migration. Als ich zufällig in meinem Bekanntenkreis davon erfuhr, hat mich dieses Schicksal sehr berührt, welches so viele Vertreter meiner Generation teilen. Ich habe mich gefragt, was es wohl mit den Kindern gemacht hat, von den Eltern so lange getrennt leben zu müssen? Wie haben sie sich gefühlt, welche Ängste hatten sie? Konnten sie überhaupt eine Bindung zu ihren Eltern aufbauen? Und welche Auswirkungen hat diese Vergangenheit auf ihre heutige Beziehung zu ihren Eltern?

Zurückgelassene Kinder

Pünktlich zum 50-jährigen Jubiläum des Anwerbeabkommens im Jahr 2011 hat sich die Autorin Gülcin Wilhelm diesem Thema gewidmet. Mit ihrem Buch „Generation Koffer – Die zurückgelassenen Kinder“ (Orlanda Verlag Berlin) leistet die türkischstämmige Autorin Pionierarbeit in einem bisher wenig behandeltem Feld, das über viele Jahrzehnte von den Betroffenen selbst tabuisiert wurde: Rund 700.000 Kinder türkischer Einwanderer sind über viele Jahre hinweg in der Türkei bei Verwandten zurückgelassen worden, nachdem ihre Eltern dem Ruf aus Deutschland nach Arbeitskräften aus dem Ausland gefolgt waren. Was zunächst nur für 1 bis 2 Jahre angedacht war, wurde für viele zu einem längeren Aufenthalt. In den meisten Fällen wurden die Kinder Jahre später nach Deutschland nachgeholt, teilweise aber auch nach einiger Zeit aus verschiedensten Gründen wieder in die Türkei zurückgeschickt. Sowohl diesen Vertrauensverlust und die Entfremdung der Kinder zu ihren Eltern, als auch das ständige Pendeln zwischen zwei Ländern und Kulturen hat die Autorin in ihrem Sachbuch anschaulich dargestellt. Am Beispiel von 8 unterschiedlichen Biografien nähert sich Wilhelm dieser schmerzlichen Vergangenheit der heute 35 bis 50-Jährigen und lässt sie von ihren Gefühlen und Erfahrungen ihrer Kindheit und Jugend erzählen. So unterschiedlich die Einzelschicksale sind, so sehr haben sie mich beim Lesen oft zu Tränen gerührt. Einige von ihnen waren bei der Abreise ihrer Eltern erst wenige Monate alt, sodass sie noch gar keine Bindung zu ihnen hatten aufbauen können. Ihre Bezugspersonen wurden jene Menschen, die sie im Auftrag der Eltern großzogen (meist die Großeltern), während die Eltern einmal im Jahr in den Sommerferien zu Besuch kamen. Wenn die Kinder dann einige Jahre später nach Deutschland nachgeholt wurden, mussten diese ein zweites Mal eine schmerzhaften Trennung von den Großeltern durchleben, und sich auf zwei fremde Menschen in einem fremden Land einstellen. Sie verstanden nicht, warum sie von ihren Bezugspersonen getrennt wurden, was sehr traumatisch für sie war, wie die 41-jährige Dilek im Buch erzählt. Ihre Eltern hatten sie im Alter von 2 Monaten bei den Großeltern in der Türkei zurückgelassen und erst nach 5 Jahren zu sich nachgeholt: „Ich war zutiefst verletzt, als meine Großeltern mich nach Deutschland brachten um dann schnell wieder zu verschwinden, ohne sich von mir zu verabschieden. Meine Oma hat sich dabei wahrscheinlich gedacht, dass ich die Trennung dadurch als weniger schmerzhaft empfinden würde. Ich hätte mir beim Abschied aber Tränen gewünscht, um die Trauer bewusster erleben zu können. Die Art, wie sie ging, ließ mich mit dem Gefühl zurück, dass sie mich nicht mehr liebte…“

Abschied eines Vaters von seiner Familie in der türkischen Heimat

Abschied eines Vaters in den 1960er Jahren von seiner Familie in der türkischen Heimat

Andere Kinder, die bei der Trennung schon älter gewesen waren, fühlten sich von ihren Eltern, ihren ersten Bezugspersonen, verlassen und litten folglich sehr darunter. Der heute 41-jährige Beklan war 9 Jahre alt, als er plötzlich damit klarkommen musste, dass seine Mutter weg war, bei der er bis dahin jede Nacht im Bett geschlafen hatte. Sie war notgedrungen ihrem Mann nach Deutschland gefolgt, um ihre Ehe zu retten. Dafür nahm sie die zweijährige Trennung von ihren Kindern in Kauf. Beklan war völlig verstört, weinte sich jeden Abend in den Schlaf und fing wieder an, einzunässen. Seine Wut richtete sich gegen seinen Vater: „Meine Mutter hatte beim Abschied am Busbahnhof viel geweint und ich ahnte schon als Kind, dass sie widerwillig gegangen war. Mein Vater hatte mir meine Mutter weggenommen, die meine einzige Stütze im Leben war….“

Die Tatsache, dass die Eltern meist unangekündigt kamen und oft heimlich wieder abreisten, ohne sich von ihren Kindern zu verabschieden, erschütterte bei vielen Betroffenen zusätzlich das Urvertrauen. Während die Eltern wohl davon ausgingen, dass es so einfacher für die Kinder wäre, machten sie es damit eigentlich nur noch schlimmer. Die 45-jährige Suna hat heute noch mit Panikattacken zu kämpfen, wenn ihr Lebenspartner mal nicht neben ihr liegt, wenn sie morgens aufwacht. Sie war sechs Jahre alt, als sie ihre Eltern bewusst kennenlernte – um 8 Wochen später erneut von ihnen verlassen zu werden. Die Hektik, die am Tag vor der Abreise ihrer Eltern in der Wohnung der Oma herrschte, war Suna und ihrer zwei Jahre älteren Schwester nicht entgangen, weshalb die beiden Mädchen ihre Mutter fragten: „Geht ihr denn weg?“ Die Mutter entgegnete daraufhin: „Nein, wir bleiben für immer hier, wir werden euch nie wieder verlassen.“ Doch als Suna und ihre Schwester am nächsten Morgen aufstanden, waren die Eltern fort…

Gülcin Wilhelm lässt ihre Protagonisten frei erzählen, wodurch die Interviews authentisch sind und einem sehr nahe gehen. Wenn man selber Kinder hat, bricht es einen beim Lesen fast das Herz, mit welchen Ängsten und Enttäuschungen die zurückgelassenen Kinder damals kämpfen mussten. Teilweise wurden auch Geschwister voneinander getrennt, was unweigerlich dazu führte, dass sich das zurückgelassene Kind dem mitgenommenen gegenüber minderwertig fühlte. Was oft ganz pragmatische Gründe hatte (das Kleinste wurde mitgenommen, weil es noch gestillt wurde), stürzte die verlassenen Kinder in tiefe Selbstzweifel: Warum nehmen meine Eltern meinen kleinen Bruder mit, lassen mich aber hier zurück?

Dokumentation „Kofferkinder“

Basierend auf dem Buch ist 2013 auch eine Dokumentation für Radio Bremen entstanden: „Kofferkinder – Zurückgelassen in der Türkei“ von Anke Kültür arbeitet anhand von 3 Beispielen das Thema ab. Die Emotionen, die im Buch geschildert wurden, werden hier auf der Leinwand sichtbar: Man lernt die Betroffenen kennen und sieht, wie die damaligen Kinder heute mit ihren Eltern zusammensitzen und sich noch immer fremd sind – eine Betroffene hat den Kontakt zu ihrer Mutter sogar ganz abgebrochen. Der Blickpunkt der verlassenen Kinder wird im Film durch bewegte Skizzen verdeutlicht, wenn die jeweiligen Situationen beschrieben werden. Wie das Kind auf einem Stein vor dem Haus stundenlang auf die Ankunft seiner Eltern aus Deutschland wartet, oder wie es einsam zurückbleibt, wenn die Eltern wieder abreisen. Auf diese Weise gehen einem die Schicksale besonders nah, und wenn dann der heute 50-jährige Ayhan Zeytin vor laufender Kamera anfängt zu weinen, wird einem als Zuschauer bewusst, wie tief dieses Gefühl, nicht genug geliebt zu werden, sitzen muss: Als ihm als 9-Jähriger ein Kumpel stolz sein Trikot zeigte, auf das dessen Mutter seinen Namen gestickt hatte, konnte Ayhan dem nichts entgegensetzen, weil seine Mutter nicht bei ihm, sondern in Deutschland war.

War ein "Kofferkind": Ayhan Zeytin

War ein „Kofferkind“: Ayhan Zeytin

Auf den ersten Blick sind natürlich die betroffenen Kinder die Leidtragenden dieser Umstände, die damals dazu führten, dass ganze Familien auseinander gerissen wurden, weil die Eltern zum Arbeiten nach Deutschland gingen. Durch die jahrelange Entfremdung ist es vielen von ihnen bis heute nicht gelungen, ein unbelastetes Verhältnis zu ihren Eltern aufzubauen. Zu tief sitzt der Schmerz der Kindheit und die Enttäuschung über das Verlassenwerden. Einige konnten ihren Eltern im Erwachsenenalter verzeihen, andere nicht. Manche Eltern waren bereit, sich mit ihren Kindern über die schmerzliche Vergangenheit auseinanderzusetzen. Vielen jedoch gelang dies nicht, was zu einer starken Belastung der Eltern-Kind-Beziehung führte, die bis heute anhält. Vor allem von der Elterngeneration wurde dieses Kapitel tabuisiert, es wurde einfach nicht darüber gesprochen. Mit Sicherheit hatten viele Eltern im Nachhinein ein schlechtes Gewissen ihren Kindern gegenüber, welches sie aber nicht zeigen konnten, weil es in dem Moment ein Eingeständnis gewesen wäre, etwas falsch gemacht zu haben.

Warum die Eltern ihre Kinder zurückliessen

Als Mutter habe ich beim Lesen sowie beim Gucken der Dokumentation immer wieder versucht, auch die Situation der Eltern zu verstehen, und mir ist bald klar geworden, dass viele von ihnen gar keine Wahl hatten, sich anders zu entscheiden. Sie handelten damals in der Überzeugung, das Richtige zu tun für sich und ihre Kinder. Sie arbeiteten von früh bis spät in deutschen Fabriken und schickten jeden Pfennig in die Türkei, um ihren Kindern eine gute Ausbildung und damit ein besseres Leben zu ermöglichen, als ihnen selbst vergönnt war. In jener Generation herrschte ein anderes Verständnis von Fürsorge, als es heute der Fall ist. Das Materielle, der erarbeitete Wohlstand zählte für viele damals mehr als die Anwesenheit der Eltern. Und wenn sie dann Jahre später ihre Kinder zu sich nach Deutschland holten, waren sie sich fremd geworden. Die Eltern gingen weiter ganztags arbeiten, und die Kinder waren nach der Schule oft auf sich allein gestellt in einer ihnen völlig fremden Welt. Einige waren mit der neuen Situation so unglücklich, dass sie 1 bis 2 Jahre später erneut in die Türkei zurückgeschickt wurden. Für viele begann damit ein Kreislauf des Pendelns, sie wurden zu „Kofferkindern“….

Der Schmerz bei den Kindern war und ist trotzdem groß, und ich frage mich seitdem, wie vielen Vertretern meiner Generation in meinem Bekanntenkreis es wohl so oder ähnlich ergangen ist, ohne dass wir je darüber gesprochen hätten. Sowohl das Buch als auch die Dokumentation haben mich sehr bewegt. Es sind wichtige Dokumente in der Geschichte der türkischen Migration, die einem die Gelegenheit geben, die heutige Situation vieler Familien in einem neuen Kontext zu betrachten. Es bietet auch Psychotherapeuten, die Familientherapie für Familien mit türkischem Hintergrund anbieten, sehr wertvolle Einblicke in die Strukturen und Brüche dieser Familien, die oft noch Auswirkungen auf spätere Generationen haben dürften: Wenn man sich selber in seiner Kindheit ungeliebt oder wertlos gefühlt hat, kann man das Gefühl, geliebt zu werden, seinen eigenen Kindern nur schwer vermitteln. Deshalb ist es wichtig, dass die betroffenen Generationen in den Dialog treten und ihre Geschichte aufarbeiten. Auch hierbei möchte das Buch helfen: Im Anhang findet sich eine Literaturliste sowie der Kontakt zur Gesellschaft für türkischsprachige Psychotherapie und psychosoziale Beratung.

Diese beiden Werke sind ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Auf diesem Gebiet muss noch mehr recherchiert werden, damit eine Auseinandersetzung der Betroffenen mit diesem Thema möglich werden kann. Es ist ein sehr schmerzliches Kapitel unserer türkischen Migrationsgeschichte, das auf jeden Fall weiter aufgearbeitet werden sollte – im Interesse der bereits existierenden, aber auch der kommenden Generationen.

Buch: Gülcin Wilhelm: Generation Koffer – Die zurückgelassenen Kinder. Mit einem Vorwort von Cem Özdemir. Orlanda Verlag, Berlin 2011, 174 Seiten

Dokumentation: Kofferkinder – Zurückgelassen in der Türkei. Von Anke Kültür, 2013, Radio Bremen/DasErste, ca. 45 Min.

Bildquelle: Das Leben als Kofferkind: Ein Gespräch mit Anke Kültür, Autorin des Films 

 

 

 

3 Kommentare zu “Generation Koffer – ein Tabu wird gebrochen

  1. Pingback: Kadir Amigo Memiş – “Meine Heimat sind meine Erinnerungen” | deutsch-türkische Geschichten

  2. Hat dies auf Titel der Website rebloggt und kommentierte:
    Ich habe Rotz und Wasser geheult bei dem Film…

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