deutsch-türkische Geschichten

deutschsprachiger Blog über Themen rund um das deutsch-türkische Leben in Deutschland

Ein Jahr nach Gezi – Buchpremiere bei Dussmann

3 Kommentare

 

Cover_Gezi_kl

Vergangenes Wochenende jährten sich die Proteste um den Gezi-Park in Istanbul zum ersten Mal. Was im Frühsommer des letzten Jahres als friedliche Demonstration gegen die Abholzung der „grünen Lunge“ der türkischen Metropole begann, endete am 31.5.2013 in der gewaltsamen Räumung des Platzes durch die Polizei, bei der 8 junge Menschen ihr Leben verloren und Hunderte zum Teil schwer verletzt wurden. Der binooki Verlag hat 19 türkische Autoren und Autorinnen gebeten, von ihren persönlichen Erfahrungen in dieser Zeit vor Ort zu erzählen. Entstanden ist „Gezi – eine literarische Anthologie“, eine Sammlung von Essays, Erzählungen und Gedichten, begleitet von eindrucksvollen Bildern der Fotografin Selen Özer Günday.

Am Montag lud „Dussmann – Das Kulturkaufhaus“ in Berlin-Mitte zur Buchpremiere des Werkes ein, das am 31.5. erschienen ist. Um kurz vor 19 Uhr ist der Raum im Souterrain des Kulturkaufhauses bereits gut gefüllt. Zu Gast auf dem Podium sind die Herausgeberin des Buches, Sabine Adatepe, eine der beiden Verlegerinnen von binooki, Selma Wels, sowie der Schauspieler und Journalist Jörg Petzold, der aus dem Buch liest. Moderiert wird die Veranstaltung von der Journalistin Ebru Taşdemir, die ebenfalls ein Buch zu diesem Thema herausgebracht hat („Ein türkischer Sommer in Berlin“, gemeinsam mit Canset Içpınar).

Kurz vor der Lesung (Foto: Kaipiranha)

Kurz vor der Lesung (Foto: Kaipiranha)

Der erste Text, aus dem Petzold liest, ist die Erzählung „Der Farbengarten“ von Barış Müstecaplıoğlu, dem bisher einzigen Fantasy-Autoren in der Türkei. Sein Fantasy-Roman „Die Legenden von Perg“ ist bereits bei binooki erschienen, der zweite Teil folgt im Herbst diesen Jahres. Gemäß seines Genres hat sich Müstecaplıoğlu auch hier dem Thema Gezi sehr eigenwillig genähert und seine Botschaft ist eher zwischen den Zeilen zu finden. Auf die Frage, ob die AutorInnen auch nach den Genres ausgewählt wurden, in denen sie üblicherweise schreiben, antwortet Adatepe, dass es keine bestimmten Vorgaben für die AutorInnen gab, und es vielleicht gerade deshalb bei den abgelieferten Texten auch zu Überraschungen kam in Form von Texten, die man von dem/r einen oder anderen im Vorfeld nicht erwartet hätte. Oder jemand hatte bereits eine Erzählung verfasst und hatte dann Lust, auch noch ein Essay zu schreiben. So kam es auch, dass zwei Autoren jeweils zwei Texte mit eingebracht haben.

Überhaupt wurde das gesamte Werk in einem verhältnismäßig kurzen Zeitraum auf die Beine gestellt: Während der Proteste in Istanbul hatte  Adatepe für ihren Blog tagesaktuelle Nachrichten und Essays aus der Türkei ins Deutsche übersetzt. Das Interesse der Leser in Deutschland an den Geschehnissen in der Türkei war zu der Zeit sehr groß. So kam den beiden Verlegerinnen die Idee, türkische AutorInnen, die das Ganze hautnah vor Ort miterlebt hatten, ihre Erfahrungen in literarischer Form dokumentieren zu lassen. Die beiden Schwestern fragten Sabine Adatepe, ob Sie Lust hätte, die Herausgeberin des Buches zu sein. Adatepe machte sich gleich an die Arbeit und fragte bei verschiedenen AutorInnen an, ob sie bereit wären, einen Text für die Anthologie zu schreiben. Bis auf einen Autoren, dem das Thema zu jenem Zeitpunkt noch zu nah ging, waren gleich alle mit dabei und reichten ihre Texte im Zeitraum von Mitte Dezember bis Mitte März diesen Jahres ein.

Selma Wels und Sabine Adatepe (Foto: Kaipiranha)

Selma Wels und Sabine Adatepe (Foto: Kaipiranha)

Der zweite Text, der an diesem Abend gelesen wird, ist „Ein Slogan fehlt“ von Barış Uygur. Ein starkes Merkmal der Gezi-Proteste waren die Graffitis der Demonstranten, ihre Flashmobs und Parolen, die sie an Hauswänden, Mauern und Bürgersteigen hinterließen. Ihre „stencils“, also Graffiti-Schablonen, waren zum Teil so professionell gemacht und die Slogans so originell und witzig, dass sie von der Regierung zeitweise sogar als das ausgeklügelte Werk von Werbeprofis angesehen wurden. Für Barış Uygur war „unter den unzähligen Slogans der ungeschriebene der bedeutungsschwerste“, denn: Kein Einziger hatte No Future! an die Wände geschrieben. Allein das bedeute für den Autoren schon, dass die türkische Gesellschaft eine Zukunft habe.

Ob aus der anfänglichen Utopie letztendlich eine Dystopie geworden sei, lautet daraufhin die Frage der Moderatorin an Wels und Adatepe. Das könne man abschließend noch nicht sagen, so die Antwort der beiden. Die Gezi-Proteste seien auf jeden Fall ein klares Zeichen der Bevölkerung dafür gewesen, dass sich – nach all den Jahren der Lethargie – nun endlich etwas in Gang setze. Die Jugendlichen, die letztes Jahr im Park mit dabei waren, müssten auch noch etwas älter werden, um eine aktive politische Position einzunehmen, so Wels. Die kompetente Nutzung der digitalen Medien sei letztlich eine große Stärke der jungen Demonstranten gewesen. Innerhalb kürzester Zeit hätten sie sich per Twitter und Facebook gegenseitig informiert und organisiert, und auf diese Weise die Proteste unterstützt. Einen so schnellen Austausch von Informationen hätte es in der Form vorher nicht gegeben, und das habe sie sehr beeindruckt, so Selma Wels.

Jörg Petzold und Selma Wels (Foto: Kaipiranha)

Jörg Petzold und Selma Wels (Foto: Kaipiranha)

Spätestens nach dem letzten Text des Abends, „Der erste geklonte Staatspräsident und seine Tragödie“ von Hakan Günday, sollte jedem Zuschauer klar geworden sein, mit wie viel Humor und Ironie die Türken dieser Auseinandersetzung zwischen Staat und Bevölkerung trotz aller Wut und Ohnmacht begegnen. Das habe ihn persönlich am meisten beeindruckt, sagt Petzold anschließend über das Buch. Bei einem Interview mit dem Autoren Alper Canıgüz habe er diesen gefragt, was die Deutschen seiner Meinung nach von den Türken noch lernen könnten. Die Antwort von Canıgüz könnte vor diesem Hintergrund passender nicht sein: „maybe to be a beautiful loser“…..

„Gezi – eine literarische Anthologie“, Hg. von Sabine Adatepe, aus dem Türkischen von Sabine Adatepe und Monika Demirel, erschienen im binooki Verlag, Berlin 2014, 130 Seiten, Broschur, 19,90 Euro

 

 

 

3 Kommentare zu “Ein Jahr nach Gezi – Buchpremiere bei Dussmann

  1. Schöner Artikel! 🙂
    Dein Blog ist klasse!

  2. Liebe Türkiz, vielen Dank für diese ausführliche Nachlese zu unserer Buchvorstellung am 2.6.! Ich würde gern zwei Anmerkungen dazu loswerden. Kann ich dich per Mail erreichen? LG Sabine

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