deutsch-türkische Geschichten

deutschsprachiger Blog über Themen rund um das deutsch-türkische Leben in Deutschland

Die deutsche Ayşe – unsichtbare Türkin

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„Die Deutsche Ayşe – Türkische Lebensbäume“

Ein Rechercheprojekt

am 30.4.2014 im Ballhaus Naunyn

„Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen“

Max Frisch

 

die deutsche Ayşe

Letzte Woche habe ich mir das Stück „Die deutsche Ayşe – Türkische Lebensbäume“ im Ballhaus Naunyn in Berlin-Kreuzberg angesehen. Im Vorfeld hatte ich gelesen, dass es um ein Porträt von drei Türkinnen geht, die im Zuge des Anwerbeabkommens zwischen der BRD und der Türkei 1961 in den darauf folgenden Jahren nach Deutschland gekommen waren. Spätestens seit „Almanya – Willkommen in Deutschland“ interessiere ich mich für die Geschichten der ersten türkischen Einwanderer, die in den 1960er Jahren nach Deutschland kamen, einige Jahre vor meinen Eltern. Warum haben sie ihre Heimat verlassen? Welche Sehnsüchte hatten sie, welche Träume? Konnte Deutschland ihre Erwartungen erfüllen? Geschrieben und inszeniert wurde das Stück von dem Regisseur und Schauspieler Tuğsal Moğul, der 1969 als Sohn türkischer Einwanderer in Neubeckum/Westfalen geboren ist. Als Grundlage für sein Stück dienten Interviews, die er mit drei Frauen aus dem privaten Umfeld seiner Eltern führte, die zur ersten Einwanderer-Generation gehören. Er selbst nennt es ein „Rechercheprojekt“.

Eine leere Bühne mit einer Leinwand dahinter, auf der ein Bild irgendeiner deutschen Kleinstadt in den 60ern projiziert ist. Drei Frauen betreten die Bühne. Mit ihren figurbetonten, einheitlichen Kleidern, den stark geschminkten Augen sowie den kompakten Rollkoffern mit Ausziehgriff erinnern sie mich zunächst an Flugbegleiterinnen beim Zwischenstopp. Mit dem Rücken zum Publikum auf den Trolleys sitzend, verwandeln sich die drei Frauen zu Beginn des Stücks mit Hilfe von schwarzen Perücken und Goldschmuck zu jenen jungen Türkinnen, die sich daraufhin umdrehen und in perfektem Deutsch für eine Einreise in die BRD bewerben. Der Einfachheit halber nennt der Autor alle drei Frauen Ayşe. Bei ihren Bewerbungsgesprächen zeigen sie sich von ihrer besten Seite, ihre Vorfreude ist groß. Anschließend wird gemeinsam Mokka getrunken und getratscht, und dann singen die drei in beeindruckend gutem Türkisch das Schlaflied „Üsküdara gideriken“. Alle drei kommen aus türkischen Großstädten, sind modern und haben bereits in der Heimat deutsch gelernt. Das Tragen eines Kopftuchs liegt ihnen fern.

So ähnlich die Frauen zu Beginn wirken, so verschieden sind dann doch ihre Biografien. Moğul gibt im Laufe des Stücks jeder einzelnen den Raum, uns ihre eigene Geschichte zu erzählen. Wir erfahren von ihren Beweggründen, die Türkei zu verlassen. Und von den Enttäuschungen, die sie erleben mussten. Eine Ayşe beschließt mit 20 Jahren, alleine nach Deutschland zu gehen. Vor ihrer Ausreise muss sie aber noch zur medizinischen Untersuchung nach Ankara fahren, wo sie von deutschen Ärzten eingehend auf ihre Tauglichkeit als Gastarbeiterin geprüft wird. Bei ihrer detaillieren Darstellung jener Situation, die sie als demütigend empfand, drängt sich beim Zuschauer unweigerlich der beklemmende Gedanke an jene Untersuchungen auf, die während es zweiten Weltkriegs vom NS-Regime am jüdischen Volk vorgenommen wurden. In Deutschland angekommen, arbeitet sie in einer Metallfirma und wird im 6-Bett-Zimmer eines Wohnheims für Frauen untergebracht, das abends um 22 Uhr abgesperrt wird, um Männerbesuch zu vermeiden. So hatte sie sich das Leben in der neuen Heimat nicht vorgestellt.

Die zweite Ayşe, die aus der Bildungsschicht stammt und sich vor allem auf das kulturelle Welterbe Deutschlands freut, landet in einem kleinen Kaff auf der Schwäbischen Alb. Während ihr Mann auf Montage fährt, fristet sie fortan ihr einsames Leben als Hausfrau und Mutter, fernab der deutschen Metropolen und Kulturstätten. Intellektuell verkümmert. Stattdessen hätte sie gerne studiert und wäre Rechtsanwältin geworden. Dennoch: Ihre Kinder genossen eine ausgezeichnete Bildung in Deutschland und die Tochter hat es heute sogar zu einer Professur als Zahnmedizinerin in der Schweiz gebracht – das macht Ayşe stolz und ist für sie Beweis genug, dass es richtig war, nach Deutschland gekommen zu sein.

Nachdem wir die Euphorie erlebt haben, mit der die drei Frauen einst in die Fremde aufbrachen, erzählen sie uns auch von ihren geplatzten Träumen und unerfüllten Sehnsüchten. Zu der Melodie des melancholischen Songs „yanarım“ der türkischen Sängern Sezen Aksu singen die Darstellerinnen sichtlich verbittert von „Deutschland“, dem „Täuschland“. In ihrem Spiel kehren die 3 Frauen ihr Innerstes nach Außen, sind ihren Figuren emotional sehr nah – und doch spüre ich die ganze Zeit eine große Distanz zu ihnen. Mein sehnlichster Wunsch, wenn ich als Schauspielerin ins Theater gehe, die Identifikation mit den Figuren, mit ihnen mit zu leiden und mit zu fühlen – es mag mir hier einfach nicht gelingen, mit keiner der drei Ayşes und in keiner der 60 Minuten, die das Stück dauert. Fast tut es mir leid, denn die drei Schauspielerinnen machen ihren Job sehr gut, aber von der ersten Sekunde an stimmt für mich etwas nicht, und ich frage mich die ganze Zeit: Warum werden diese Frauen der ersten Einwanderergeneration von deutschen Schauspielerinnen gespielt? Warum sind es keine Deutsch-Türkinnen, die hier geboren und aufgewachsen sind und die – neben der deutschen – eben auch eine türkische Seele in sich tragen? Die der deutschen und türkischen Sprache mächtig sind? Warum müssen deutsche Schauspielerinnen mühsam türkische Texte auswendig lernen, türkische Gesten einstudieren, türkisch spielen – wenn es doch auch viele gute deutsch-türkische Schauspielerinnen gibt, die das authentischer umgesetzt hätten? Die sich doch aufgrund ihrer eigenen Geschichte unweigerlich besser in die damalige Situation ihrer Elterngeneration hätten hineinversetzen können. Diese Fragen brennen mir vor allem vor dem Wissen auf der Seele, dass der Autor und Regisseur ja selber Deutsch-Türke ist. Er müsste wissen, dass es sich für türkische Muttersprachler befremdlich anfühlt, wenn Deutsche türkisch sprechen – und sei es noch so perfekt auswendig gelernt. Genau das tun nämlich die drei Schauspielerinnen am Ende des Stücks, als Moğul die anfängliche Bewerbersituation umkehrt und die drei Schauspielerinnen nun als Deutsche auf ihren Rollkoffern sitzen lässt, damit sie sich um einen Job in der Türkei auf türkisch bewerben. Zweifelsohne ein interessantes Stilmittel, doch wenn das der einzige Grund dafür ist, warum türkische Einwanderinnen von deutschen Schauspielerinnen dargestellt werden, ist mir der Preis dafür zu hoch.

deutsche Ayse1

Am Ende lässt Moğul alte Super8-Aufnahmen aus den 70er Jahren auf der Leinwand abspielen. Bilder von fröhlichen Familienfeiern, bei denen die türkischen Einwanderer unter sich sind. Ausgelassen und fröhlich genießen sie ihr kleines Stück Heimat in der Fremde. Ich bin sofort berührt von diesen Bildern, die mich in meine eigene Kindheit zurückkatapultieren. Ich selbst kann mich an unzählige Feiern in der türkischen Community erinnern, Geburtstage, Hochzeiten, Beschneidungen… Endlich scheint die Distanz überwunden. Zum Schluss sieht man noch die „echten“ Ayşes von heute, wie sie im Garten „Üsküdara gideriken“ anstimmen. Drei türkische Frauen um die 70, warm und herzlich. Die drei Biographien bekommen Gesichter und da ist er endlich, der Moment, in dem ich mich mit den Frauen identifizieren kann…. çok şükür!

Das Stück ist zu Ende und ich schaue mich um. Als Deutsch-Türkin bin ich augenscheinlich in der Minderheit, das Publikum besteht fast ausschließlich aus Deutschen. Ein möglicher Erklärungsansatz dafür, warum der türkischstämmige Autor dieses Stück mit deutschen Schauspielerinnen besetzte.

Tuğsal Moğul hat ein noch wenig behandeltes  Thema interessant umgesetzt. Mit seinem Rechercheprojekt hat er den Türkinnen der ersten Generation eine Stimme gegeben. Durch die Besetzung der Rollen mit deutschen Schauspielerinnen jedoch hat er bewirkt, dass der türkische Teil in mir protestierte. In einem Stück über die Geschichte der Generation meiner türkischen Eltern habe ich mich als Türkin unsichtbar gefühlt.

 

Bilder Copyright: Jochen Quast

 

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