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Sancaklar Camii – Moschee der Moderne

2 Kommentare

Unterirdische Moschee in IstanbulDiese Woche habe ich zum ersten Mal von der Sancaklar-Moschee gelesen, die letztes Jahr in Büyükçekmece, einem Vorort von Istanbul, fertig gestellt wurde. Auf den ersten Blick hat diese moderne Moschee überhaupt nichts gemeinsam mit dem Bild, das ich von einer Moschee habe: Einem prunkvollen Bau mit reich verzierten, schmalen Minaretten, die hoch in den Himmel ragen, pompösen Kuppeln mit der goldenen Mondsichel oben drauf sowie großzügig angelegten, schattigen Innenhöfen mit orientalischen Rundbögen. Bisher entsprach mein Schönheitsideal von einer gelungenen Moschee jenem Bild, das die Sultane schufen, als sie diese imposanten Gotteshäuser zu Zeiten des osmanischen Reichs erbauen ließen.

Unterirdische Moschee in IstanbulAls ich mir nun die Bilder von der Sancaklar-Moschee ansah, fühlte ich mich zunächst an ein christliches Bauwerk erinnert: Die gradlinige, sehr reduzierte Architektur lässt beim besten Willen keine Moschee vermuten. Der hohe, rechteckige Turm, der wie ein Klotz einzeln in der Mitte steht, könnte auch ein protestantischer Kirchturm sein. Der ganze Gebäudekomplex, der sich über 1200 qm Gesamtfläche erstreckt, fügt sich in seiner reduzierten Bauweise perfekt in die karge Ebene der türkischen Vorstadt-Prärie ein. Durch die Verwendung von grauen Schieferplatten wird der Effekt der Zurückhaltung noch verstärkt. Umrahmt ist das Bauwerk von halbhohen Mauern aus Steinen, alles ist weitgehend naturbelassen. Vor diesem Hintergrund könnte man auch denken, man hat ein (deutsches) Mahnmal vor sich – einen Ort der Stille und Andacht. Nur die Tafel mit der arabischen Aufschrift für „Allahu akbar“ (Allah ist groß) am oberen Rande des Turms weist darauf hin, dass es sich hier wohl doch um ein islamisches Gebetshaus handeln muss.

Unterirdische Moschee in IstanbulDer Bau dieser unkonventionellen Moschee im letzten Jahr hat einige kritische Stimmen laut werden lassen. Manche Menschen waren der Meinung, dass eine Moschee prachtvoll sein müsse, schließlich sei sie – neben der Funktion als Gebetshaus – nicht zuletzt auch ein Symbol der Kraft des Islam und der Ehre, die man Gott bezeuge. Aus diesem Grund ist die Sancaklar-Moschee vielen Kritikern nicht erhaben genug, zumal sie von außen nicht mal als Moschee zu erkennen sei.

Unterirdische Moschee in IstanbulWenn man die Architektur dieser außergewöhnlichen Moschee jedoch genauer betrachtet, wird einem klar, dass der Architekt Emre Arolat bei seiner Planung ein klares Ziel verfolgt hat. Die Moschee wurde in einen Hügel gebaut, sodass man von der Straße aus zunächst nur den Turm sowie eine begrünte Ebene sehen kann. Erst über eine breite, flach abfallende Treppe, die sich nahtlos in die Topographie der Umgebung einfügt, gelangt man in das Innere der Moschee, die unterirdisch verborgen liegt. Hier befindet sich die Gebetshalle, die Platz für bis zu 650 Betende bietet. Auch hier ist alles sehr minimalistisch gehalten in warmen Naturtönen und mit naturbelassenen Wänden. Kalligraphien oder Ornamente, wie man sie aus anderen Moscheen kennt, sucht man hier vergebens. Durch die warmen Farben und die Reduziertheit wirkt alles sehr elegant. Den Raum ließ Arolat nach hinten ansteigen, damit alle Gläubigen einen guten Blick auf den Imam haben. Die Decke hängt an den Seiten recht tief und verjüngt sich stufenartig zur Mitte hin nach oben. Die Gebetshalle ist dunkel, das Tageslicht wird nur durch schmale Ritzen in den Wänden in diesen unterirdischen Raum gefiltert, abends wird er durch LED-Lampen minimal beleuchtet. Auf diese Weise bekommt der Besucher das Gefühl, in einer geschützten Höhle zu sein. Und genau das war auch die Intention von Emre Arolat, als er diese unterirdische Moschee konzipierte: Er wollte sich von der gewohnten Form einer Moschee lösen und sich ausschließlich auf den religiösen Raum an sich beschränken, in dem der Betende sich voll und ganz auf sein Zwiegespräch mit Allah konzentrieren kann.

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Für die Umsetzung seiner Idee hat der Architekt vier Monate lang alte Schriften des Islam sowie den Koran studiert und ist zu dem Schluss gekommen: Nirgendwo steht geschrieben, wie eine Moschee auszusehen hat. Sie soll in erster Linie Raum für den Dialog mit Allah sein. „Islamische Philosophie erklärt Bescheidenheit zu einem Prinzip“, sagt Arolat, „die ersten Moscheen hatten keine Dachkuppel und kein Minarett.“ Für den Entwurf seiner Moschee geht er weit zurück in der Geschichte des Islam und hat sich von der Höhle von Hira inspirieren lassen. In jener Höhle (unweit von Mekka gelegen, dem Wallfahrtsort aller Muslime) soll der Prophet Mohammed seine erste Offenbarung von Allah erhalten haben. Diesen Raum der Stille und Zurückgezogenheit auf sich und Allah hat Arolat versucht, mit seinem Entwurf umzusetzen, und nicht nur das: Er wollte auch eine klare Abgrenzung der Moschee zu der „chaotischen Außenwelt“ schaffen, die sich jenseits der belebten Hauptstrasse in den umliegenden Gated-Communities wiederfindet. Auch hier setzen einige Kritiker an, die der Meinung sind, dass der Besuch einer Moschee in erster Linie ein Gemeinschaftserlebnis sein müsse und nicht zuletzt auch dem Austausch von Wissen diene. Dem Wunsch nach Wissenserwerb möchte die Sancaklar-Moschee mit einer Bibliothek entsprechen, die ebenfalls zum Gebäudekomplex gehört.

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Emre Arolats Entwurf dieser modernen, außergewöhnlichen Moschee kann als mutig bezeichnet werden, weil sie durchaus polarisiert. Ich bin jedoch der Meinung, dass ihm sein Vorhaben, einen inspirierenden Ort zu schaffen, an dem ein Muslim mit Allah ganz allein sein kann, sehr gut gelungen ist. „Ich finde, heute entworfene Moscheen sollten im Erscheinungsbild ruhig zurückhaltend sein. Das passt in unsere Zeit. Die prunkvollen Moscheen, für die Istanbul bekannt ist, stammen aus einer Zeit der Sultane. Die mussten ihre Macht demonstrieren. Die Sancaklar-Moschee repräsentiert viel besser, wie unsere islamische Gesellschaft heute ist“ sagt der Architekt dazu selbstbewusst. Die Jury des internationalen „World Architecture Festivals“ hat Arolat letztes Jahr Recht gegeben: Die Sancaklar-Moschee wurde zur besten „Architektur religiöser Bauten 2013“ gewählt.

Querschnitt der Sancaklar Moschee

Querschnitt der Sancaklar Moschee

Quellen:

http://www.emrearolat.com (alle Bilder)

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/der-tuerkische-architekt-emre-arolat-will-istanbul-schoener-machen-a-954626.html

http://www.islamiq.de/2013/11/08/preisgekroente-unterirdische-moschee/

http://www.worldbulletin.net/?aType=haber&ArticleID=122152

2 Kommentare zu “Sancaklar Camii – Moschee der Moderne

  1. Sehr interessanter Artikel und eine wunderschöne Moschee. Hat sowas von – abstrakt gehaltener – abgeschiedener Waldgrotte, in der man in Ruhe meditieren kann.

  2. Vielen Dank, dorkmaster! Mir gefällt diese Moschee auch sehr gut und der Begriff Waldgrotte trifft es in der Tat ganz gut! Wie ich oben schrieb, ist es dem Architekten wirklich gelungen, mit seinem Entwurf dieser unterirdischen Moschee die Höhle von Hira nachzuempfinden. Dein Blog gefällt mir auch gut, deshalb folge ich dir jetzt 🙂

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