deutsch-türkische Geschichten

deutschsprachiger Blog über Themen rund um das deutsch-türkische Leben in Deutschland

Alles Kismet?

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[…]Neulich schob mir Julia im Restaurant wie selbstverständlich die Oliven zu, die der Kellner uns als Vorspeise gebracht hatte. „Weil ich Türkin bin, muss ich die jetzt essen, oder was?“, fauchte ich meine Freundin an. „Nein“, sagte sie verblüfft, „weil du sie, seit wir uns kennen, gerne magst.“ So tief sitzt mein Frust schon, dass ich meiner Freundin wegen ein paar Oliven unterstelle, dass sie mich in die Migrantenschublade steckt. Ich bin auf dem besten Weg, eine Problemtürkin zu werden…[…] 

Die in Deutschland aufgewachsene Türkin Hatice hat es satt, spätestens seit der Integrationsdebatte ständig als Quotentürkin herzuhalten: Von Beruf Journalistin, wird sie zu Gesprächsrunden nur aufgrund ihrer türkischen Herkunft eingeladen, um dann als vermeintliche Expertin für die gesamte islamische Welt zu fungieren. Sie ist es leid, immer wieder unter dem Generalverdacht zu stehen, türkischstämmige Deutsche seien nicht integrationswillig. Als sie von ihren Eltern völlig unverhofft eine kleine Eigentumswohnung in Istanbul vermacht bekommt, wandert die alleinerziehende Mutter kurzentschlossen gemeinsam mit ihrer kleinen Tochter in die Türkei aus. Wenn sie in Deutschland schon nicht als Deutsche akzeptiert wird, möchte sie es mal als Türkin in der Türkei probieren, und stellt sich die Frage: Kann eine Frau, die in Deutschland aufgewachsen ist, sich in der Türkei überhaupt wohl fühlen? Dem Land ihrer Eltern, das sie bis dahin nur als Urlaubsland kannte?

Kaum in Istanbul angekommen, wird Hatice unweigerlich in den Bann der Millionen-Metropole am Bosporus gezogen. Freundinnen und Verwandte nehmen sich sofort ihrer an und machen sie erst einmal fit für die türkische Gesellschaft: Vom obligatorischen Besuch beim Friseur über das Entfernen lästiger Körperhaare nach türkischer Tradition mit Warmwachs und anschließendem Besuch im Nagelstudio bleibt dem Neuankömmling Hatice nichts erspart. Trotz der anfänglichen Tortur genießt sie das Gefühl von „Alle für Eine – Eine für Alle“, welches ihr die türkischen Freundinnen vom ersten Tag an vermitteln, und das Hatice in Deutschland so oft vermisst hat. In ihrer neuen Heimat gibt es kein „Meins“ und „Deins“, jeder hilft jedem wo er kann, und Hatice ist beeindruckt von der bedingungslosen Fürsorge, die ihr entgegengebracht wird. Und obwohl Hatice von Männern erst mal die Nase voll hatte, verliebt sie sich schon bald Hals über Kopf in den Türken Cenk, der ebenfalls in Deutschland großgeworden und erst vor einigen Jahren in die Türkei gezogen ist. Mit Cenks Hilfe bringt sie ihre heruntergekommene, kleine Wohnung in einen wohnlichen Zustand und findet allmählich ihren Platz in der quirligen Großstadt, die ihren ganz eigenen Rhythmus vorgibt. Und doch wird ihr nach einigen Monaten klar, dass sie in Istanbul nur zu Gast ist. Hier in der vertrauten Fremde ist ihr bewusst geworden, dass Berlin ihre Heimat ist – nicht zuletzt auch wegen ihrer kleinen Tochter, die sich die ganze Zeit nach ihrem Zuhause sehnt. Hatice fühlt sich endlich als Teil der türkischen Gesellschaft, doch es reicht nicht aus, um für immer in der Heimat ihrer Eltern bleiben zu wollen….

Nach den beiden Erfolgsbüchen „Einmal Hans mit scharfer Soße“ sowie „Ali zum Dessert“ ist dies der dritte autobiographische Roman der Journalistin und Schriftstellerin Hatice Akyün. Wie auch schon die beiden vorherigen Werke zeichnet sich dieses Buch ebenfalls durch eine flotte und amüsante Schreibweise aus. Einmal angefangen, kann man es nur schwer zur Seite legen. Als Vertreterin der gleichen Generation wie Akyün hat mich dieses Buch vor allem deshalb interessiert, weil ich ebenfalls seit einiger Zeit den Wunsch verspüre, Deutschland für eine Weile zu verlassen, um das Leben in der Türkei „auszuprobieren“. Aus verschiedenen Gründen hatte ich bisher weder die Möglichkeit noch den Mut dazu, mein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Deshalb war ich umso neugieriger zu erfahren, wie es der Autorin bei ihrem „Experiment“ wohl ergangen sein mag. Akyün nimmt den Leser mit auf eine Reise in die ihr so vertraute und gleichzeitig fremde zweite Heimat, dass man gleich das Gefühl hat, mit dabei zu sein bei den Abenteuern, die sie dort erlebt. Als Deutschtürkin habe ich mich an vielen Stellen ihrer lebhaften Schilderungen wiederfinden können. Da ist zum Beispiel das Verkehrschaos auf den Straßen Istanbuls, von denen die Autos der Marke MURAT, die sowohl bei der Autorin als auch bei mir sofort Kindheitserinnerungen auslösen, fast vollständig verschwunden sind. Die Erfindung eines „anahtar“ (Schlüssels), dem simplen Endstück eines Gurts, der in das Gurtschloss gesteckt wird, um das lästige Warnsignal der modernen Autos zu überlisten, steht für den erfrischenden Bruch mit Konventionen, der so „typisch türkisch“ ist.

Wenn die Autorin die Überfahrt auf einem der Bosporus-Dampfer vom europäischen zum asiatischen Teil Istanbuls malerisch beschreibt, fühle ich mich sofort an diese Momente meiner Besuche in der türkischen Metropole zurückerinnert: Diese erholsame Ruhe, wenn man das hektische Treiben der Millionenstadt hinter sich lässt und einem der warme Wind um die Nase weht. Währenddessen ein paar Sonnenblumenkerne knabbern (das geht auf zwei verschiedene Arten, wussten Sie das?) und den Blick auf die historischen Moscheen richten – das alles weckt eine Sehnsucht in mir, die auch Akyün verspürt haben muss, bevor sie nach Istanbul gezogen ist. Sie wollte herausfinden, wie sehr „türkisch“ sie ist, und für mich ist es ganz klar, dass sie zunächst all jene Dinge beschreibt, die ihr aus ihren unzähligen Urlauben während ihrer Kindheit vertraut sind. Ich würde es genau so tun.

Auf ihrer Reise merkt sie aber auch, was eben nicht mehr „türkisch“ an ihr ist (vielleicht noch nie war?), und was sie als Deutsche in der Türkei stört – zum Beispiel die türkische Interpretation von Dienstleistung: Auf der Suche nach einem Makler, der den tatsächlichen Wert ihrer geerbten Wohnung schätzen soll, steht sie mehr als einmal vor geschlossenen Büros, bekommt keine Antwort auf ihre mails und Anrufe. So etwas wäre in Deutschland nicht möglich, doch in der Türkei scheint sich jeder damit abgefunden zu haben – man kann schon froh sein, wenn man überhaupt einen Makler dranbekommt, von dessen Qualität mal ganz zu schweigen. Der kann dann auch solch unverschämte Forderungen stellen wie einen Shuttleservie von seinem Büro in die zu bewertende Wohnung, wofür ihm hier in Deutschland so ziemlich jeder einen Vogel zeigen würde…

Wie „deutsch“ Akyün letztlich doch ist, zeigt auch ihre fast naive Annahme, man könne sich in Istanbul genauso sicher und komfortabel per Rad fortbewegen wie in Berlin: Ihr Dickkopf zwingt sie – trotz aller Warnungen ihres Umfelds – diese vermeintlich romantische Vorstellung in die Tat umzusetzen – und sie wird im chaotischen Großstadtdschungel Istanbuls prompt eines Besseren belehrt. Die Türkei hat sich in den letzten Jahrzehnten zwar rasant entwickelt und modernisiert, und auch wenn es viele Parallelen zwischen Istanbul und Berlin gibt – alles ist dann eben doch nicht gleich, wie die Autorin in ihrem Selbstversuch feststellen muss. Einmal mehr wird dem Leser bewusst, was der Untertitel bereits andeutet: Oft fühlt sich Hatice in der Heimat ihrer Eltern wie eine Deutsche am Bosporus….

All diese Erfahrungen, welche die Autorin auf ihrer Reise zu ihrem anderen „Ich“ macht, schildert sie in einem hohen Tempo und mit viel Charme. Ich musste an vielen Stellen spontan lachen und konnte mich mit ihren Gedanken und Gefühlen sehr gut identifizieren. Die liebevolle Art und Weise, wie sie die Mentalität der Türken beschreibt, löste in mir beim Lesen jedes Mal ein wohliges Gefühl von Vertrautheit und Nähe aus. Was mir besonders gut gefallen hat: Akyün steht zu ihren Wissenslücken, was die Türkei betrifft, und das macht sie unheimlich sympathisch. Bis zu ihrem Umzug nach Istanbul war die Türkei das Land ihrer Eltern, das sie mehr als Kind, denn als mündige Erwachsene erlebt hat. Welche Regierung auch immer gerade das Sagen hatte  – für Akyüns politische Identität war es nie relevant, weil sich ihr Leben in Deutschland abspielte. Wie wichtig dieser Aspekt jedoch heute für ihr Zugehörigkeitsgefühl zur Türkei ist, zeigt der letzte Teil des Buches. Wieder zurück in Berlin, erfährt Hatice von den Unruhen im Gezi Park in Istanbul und fühlt sich auf einmal stark verbunden mit der türkischen Gesellschaft, die ihr Recht auf Meinungsfreiheit und Toleranz endlich lautstark einfordert. Werte, die für Akyün in Deutschland schon immer selbstverständlich waren. Kannte sie die Türkei vorher nur als Langzeittouristin, ist sie durch ihren Aufenthalt in Istanbul für die Autorin zu ihrer zweiten Heimat geworden. Die Suche nach ihrer türkischen Identität scheint geglückt und es sei ihr von Herzen zu wünschen, dass sie nun auch innerhalb der deutschen Gesellschaft ihren Frieden als Deutschtürkin findet. Gut gemacht – Aferin, Hatice!

Hatice Akyün: „Ich küss dich, Kismet – Eine Deutsche am Bosporus“, erschienen bei Kiepenheuer und Witsch, Köln 2013, broschiert, 240 Seiten, ISBN-10: 346204568, ISBN-13: 978-3462045680

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