deutsch-türkische Geschichten

deutschsprachiger Blog über Themen rund um das deutsch-türkische Leben in Deutschland

Warum ich nur Deutsche küsse

7 Kommentare

Was lebst Du?„Wie fühlt es sich eigentlich für eine Türkin an, einen Deutschen zu küssen?“ Diese Frage stellte mir vor kurzem ein junger Türke auf der Straße, der mich im letzten Jahr in der Hauptrolle einer deutsch-türkischen Komödie gesehen und mich wieder erkannt hatte. Völlig überrascht von dieser unerwarteten Frage antwortete ich ihm spontan: „Ich kenne es nicht anders, ich hab’ ja bisher nur Deutsche geküsst!“ Der junge Mann sah mich verständnislos an, verabschiedete sich dann knapp und ließ mich stehen. Und ich stellte mir zum ersten Mal in meinem Leben die Frage: Warum habe ich mich noch nie in einen Türken verliebt?

Ich bin 30 Jahre alt und unverheiratet. In meinem bisherigen Leben habe ich vier lange Beziehungen geführt, mit meinem jetzigen Partner lebe ich seit zwei Jahren in „wilder Ehe“. So unterschiedlich diese Männer auch sind, eines haben sie alle gemeinsam: sie sind deutsch. Das war jedoch nie eine bewusste Entscheidung, sondern eher Zufall. Warum also kein Türke? Oder zumindest einer, der – so wie ich – hier in Deutschland geboren und aufgewachsen ist? Schließlich kommt doch für die meisten Türkinnen meiner Generation – und seien sie auch noch so modern – nur ein Landsmann als Partner in Frage. Vielleicht war es ja eine Entscheidung, die irgendwann mein Unterbewusstsein gefällt hat. Vielleicht hatte ich unbewusst zu viel Angst vor zu viel Verbindlichkeit? Ein türkischer Mann, so dachte ich womöglich, wurde mich früher oder später heiraten wollen. An sich habe ich nichts gegen das Heiraten, im Gegenteil, ich finde es sogar sehr romantisch. Doch die Vorstellung, bereits in jungen Jahren verheiratet und Mutter zu sein, hat mir schon immer Angst gemacht. Ich wollte als Schauspielerin Karriere machen, herumreisen und meine Unabhängigkeit in vollen Zügen genießen.

Dieses Leben schien mir wohl mit einem Türken unmöglich. Wie ich darauf komme, weiß ich nicht, denn es gibt natürlich auch unter Türken unzählige Menschen, die so ein Leben führen. Demnach war ich also meinen eigenen Landsleuten gegenüber voreingenommen. Türkische Männer standen für mich für Verzicht und Abhängigkeit.

Meine deutschen Freunde hingegen hatten mindestens soviel Ehrfurcht vor dem „Bund des Lebens“ wie ich. Neben ihnen fühlte ich mich unabhängig, da sie mir den nötigen Freiraum gewährten, den mein Charakter und nicht zuletzt auch mein Beruf als Schauspielerin erfordern. Jede dieser Beziehungen war auf ihre Weise wunderschön und wertvoll für mich und ich konnte mich in jeder einzelnen weiterentwickeln. Aber ab einem gewissen Punkt wurde es mir manchmal zu „verkopft“, zu deutsch. Was ich mit „verkopft“ meine, ist die Angewohnheit, alles immer in kleinste Einzelheiten „zerdenken“ zu müssen, bevor überhaupt gehandelt wird – für mein persönliches Empfinden eine „typisch deutsche“ Eigenschaft. Der türkische Teil in mir fühlte sich oft unterdrückt und wollte ausbrechen. Mein Temperament brauchte Luft zum Atmen – ich wollte nicht immer nur vernünftig sein, sondern auch mal verrückt sein dürfen, ohne gleich schräg angeguckt zu werden.

Mein jetziger Partner ist wieder ein Deutscher, doch er unterscheidet sich in einem Punkt von seinen Vorgängern: er ist ost-deutsch. Und er tut mir gut. Er hat eine große Portion Humor, ist mindestens so temperamentvoll wie ich und überhaupt nicht „verkopft“. Er handelt meist aus dem Bauch heraus – genau wie ich. Wir lachen viel und tanzen oft gemeinsam durch unsere Wohnung, und wenn uns jemand dabei beobachten würde – er würde uns mit Sicherheit für verrückt erklären.

Kennen gelernt haben wir uns bei Dreharbeiten zu einem Fernsehfilm vor zwei Jahren, wo wir zusammen vor der Kamera standen. Ein gemeinsamer, türkischer Kollege, dem wir später erzählten, dass wir uns auch im richtigen Leben zusammengetan haben, brachte es schließlich auf den Punkt, als er lachend über meinen Freund sagte: „Bu sana iyi uymuş, bu tam türk!“ „Der passt gut zu dir, der ist total türkisch!“ Und ich muss sagen: er hat Recht!

Seitdem habe ich oft darüber nachgedacht, und es wäre sicher unsinnig, so etwas allein darauf zurückzuführen. Und doch beschleicht mich manchmal das Gefühl, dass die „Ossis“ vielleicht fast mehr mit uns Türken gemein haben, als mancher Deutscher aus den alten Bundesländern. So hat mein Freund z.B. einen ausgeprägten Familiensinn, der ja auch uns Türken gerne nachgesagt wird. Von seiner Familie bin ich vom ersten Tag an sehr herzlich und ohne jegliche Vorbehalte aufgenommen worden, was ich von der einen oder anderen verkopft-intellektuellen Mutter meiner West-Ex-Freunde leider nicht behaupten kann. Bei ihnen wurde ich das unangenehme Gefühl, mich als zukünftige Schwiegertochter erst noch bewähren zu müssen, über Jahre hinweg nicht los. Als potentielle Schwiegertochter hat es wohl jede Frau anfangs schwer, die Gunst der Mutter ihres Partners zu gewinnen. Und trotzdem hatte ich den Eindruck, als Türkin einer strengeren Prüfung unterzogen zu werden, als wenn ich eine Deutsche gewesen wäre. Früher oder später akzeptierten sie mich zwar als Partnerin ihrer Söhne, doch gewisse Vorurteile gegenüber meiner Person und Herkunft blieben bestehen. Während die eine Mutter bei jedem Besuch die Frage der Menschenrechtsverletzungen in der Türkei mit mir diskutieren wollte, warnte die andere ihren Sohn heimlich davor, mich zu schwängern, weil er mich ja dann heiraten müsste. O-Ton: „Das ist so bei den Türken!“.

Ganz im Gegensatz zu meiner jetzigen „Schwiegermutter in spe“: Obwohl mein Freund bereits ein Kind aus seiner vorherigen Beziehung hat, werden wir bei nahezu jedem Besuch gelöchert, wann wir beide denn nun endlich „nachlegen“. Das liegt sicher nicht zuletzt daran, dass mein Freund nicht nur einen großen Sinn für Familie hat, sondern auch selbst Teil einer Großfamilie ist. Während ich mich bisher immer dafür rechtfertigen musste, warum ich denn als Türkin nicht mindestens 547 Verwandte habe, kann ich nun bequem auf die unzähligen Tanten, Cousins, Großneffen und Vettern meines Freundes verweisen, die sich nahezu auf halb Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern verteilen. Entsprechend umfangreich fallen die Familienfeiern aus, und nach mittlerweile zwei Jahren und diversen Hochzeiten, Taufen und Jugendweihen, an denen ich teilnehmen durfte, kenne ich noch lange nicht alle Verwandten meines Freundes, aber er selbst wahrscheinlich auch nicht.

Auch mit meinen vorherigen Freunden hatte ich die eine oder andere Hochzeit und Taufe ihrer jeweiligen Verwandtschaft besucht, doch bei den Festen der Ost-Verwandten meines Freundes fiel mir sofort eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Türken und Ossis auf: Sie feiern ganz besonders ausgelassen und ausgiebig! Die Feste werden gemeinsam in Eigenregie organisiert und jeder steuert freiwillig etwas zum üppigen Menü bei. Es sind alle Generationen vertreten, vom 92jährigen Opa bis zur 8 Monate alten Großenkelin, und es wird gemeinsam bis zum Morgengrauen gelacht und getanzt. Diese fröhliche Art, Feste zu feiern, erinnert mich jedes Mal an meine Kindheit und Jugend, wo ich mit meinen Eltern so manche türkische Hochzeit oder manches Beschneidungs-Fest -„Sünnet dügünü“- besucht habe. Es waren immer Massen von Menschen anwesend, die unheimlich laut waren und sich stark gestikulierend unterhielten. Die Wärme und Lebensfreude, die von solchen Festen ausging, habe ich persönlich schon immer als „typisch türkisch“ empfunden. Das ist wohl der Grund, warum ich mich bei den Festen der Verwandtschaft meines Freundes vom ersten Augenblick an geborgen und wohl fühle: weil mir ihre Art, zu feiern, so vertraut ist.

Bevor ich meinen Freund traf, stand ich als „West“-Kind den Beziehungen zwischen „Wessis“ und „Ossis“ sehr skeptisch gegenüber. Zu groß erschienen mir die Unterschiede in Erziehung und Prägung, die wir Kinder der BRD und unsere Altersgenossen in der ehemaligen DDR erfahren haben, und umso größer stellte ich mir die kulturellen Differenzen zwischen mir als einer Deutsch-Türkin und einem Ostdeutschen vor. Aber meine persönliche Erfahrung hat mir gezeigt: Auch wenn mein Freund und ich auf den ersten Blick in zwei völlig verschiedenen Welten aufgewachsen sind, haben wir letztlich vielleicht sogar mehr gemeinsam als jeder einzelne von uns mit unseren westdeutschen Altersgenossen. Denn die Erinnerungen an unsere jeweiligen Kindheiten sind mit einer gewissen Nostalgie behaftet, die wohl kein Westdeutscher so richtig nachfühlen kann: Er, dessen Land, in dem er eine unbeschwerte Kindheit verbracht hat, schlichtweg nicht mehr existiert. Und ich, deren Kindheit geprägt war von der Mischung aus der deutschen und der türkischen Kultur: Der faszinierende Wechsel zwischen dem Alltag in Deutschland und den langen Sommerferien im Sommerhaus meiner Großeltern in Çeșme. Zwei Länder mit völlig verschiedenen Kulturen und Lebensgefühlen, die für mich zu einem Land verschmolzen, mit dem ich viele schöne Erinnerungen verbinde, das es aber so auch nicht mehr gibt, weil sich sowohl Deutschland als auch die Türkei in den letzten 15 Jahren enorm verändert haben.

So tragen wir beide unsere Vergangenheiten in uns, die Teil unserer heutigen Identität sind, und die wir mit keinem Westdeutschen teilen können. In diesem Punkt fühlen wir uns beide manchmal ein wenig wie „Außenseiter“ in diesem Land. Und wenn wir uns gegenseitig aus jener Zeit erzählen, lauscht jeder gespannt den Geschichten und Anekdoten des Anderen. Wie ich schon sagte: es wäre wahrscheinlich zu einfach, diese Gemeinsamkeiten auf alle Türken und alle „Ossis“ zu übertragen. Dennoch fühle ich mich meinem Freund nicht zuletzt durch diese Erfahrungen verbunden, und dann kommt es mir so vor, als hätte ich doch schon mal einen Türken geküsst…

geschrieben von Türkiz Talay und erschienen im Sammelband „Was lebst Du? Jung, deutsch, türkisch – Geschichten aus Almanya“ von A. Acevit und B. Bingül, erschienen im Knaur Verlag, München 2005, Taschenbuch, 256 Seiten, ISBN-10: 3426777975, ISBN-13: 978-3426777978

7 Kommentare zu “Warum ich nur Deutsche küsse

  1. Hey Türkiz,
    Den Artikel habe ich erst jetzt entdeckt und gelesen. Voll schön, das alles über Dich und Euch zu erfahren! Der Text ist sehr schön geschrieben, sodass man sich alles bildlich vorstellen kann, und es einen total überzeugt. Hat total Spaß gemacht zu lesen! Danke!
    Liebe Grüße, Janna

  2. Hat dies auf Titel der Website rebloggt und kommentierte:
    Ich bin zwar mit keinem Ossi Verwandt aber mit einem Pfälzer und die haben auch sehr viel mit den Türken gemeinsam, seien es die Bauernweisheite oder die ehrliche, manchmal derbe Art jemandem zu sagen was man denkt. Deutsche küssen, wie wunderbar 😀

  3. Ich musste ein paar Mal lachen, weil es mir ähnlich erging 😀

  4. Gerne würde ich Dich fragen, wie ihr das mit den besonderen Feiertagen beider Kulturen handhabt und ob ihr beide Kulturen in eurem gemeinsamen Leben auslebt und auch mal in der Türkei seid :). Ich will als Türkin nicht komplett meine Wurzeln aufgeben- da ich momentan mit einem deutschenstämmigen zusammen bin. Vielleicht hast du ein paar Tipps für mich. Lieben Dank und Grüße Leyla

    • Liebe Leyla, vielen Dank für dein Feedback zu meinem Beitrag! Die türkischen Feiertage feiern wir gemeinsam mit meiner türkischen Familie, wobei diese nicht so groß gefeiert werden bei uns wie in der Türkei. Die Türkei wollte ich meinen Kindern vor 2 Jahren zum ersten Mal zeigen, aber dann ist alles so unsicher geworden (leider), weshalb ich den Plan verschieben musste… Türkisch spreche ich mit den beiden situationsbezogen, z.B. beim Essen, und sie verstehen schon viele Wörter, wenn sie auch nicht fliessend sprechen können. Auch lesen wir deutsch-türkische Kinderbücher von Anfang an, sodass ihnen der Klang der Sprache vertraut ist. Ich liebe meine türkischen Wurzeln und möchte meinen Kindern dieses Geschenk in jedem Fall mitgeben, denn das ist es definitiv für mich! Hättest du ein Thema, worüber du gerne lesen würdest? Dann schreib mir und ich werde schauen, ob ich darüber berichten kann! Freue mich immer über Inspiration für meinen Blog.
      Viele Grüße, Türkiz

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